Eine halbe Million Euro als Wertschöpfung für die Region

Energiegenossenschaft Vogelsberg eG präsentiert beste Ergebnisse der Genossenschaftsgeschichte

Im August feiert sie ihren 8. Geburtstag – die Energiegenossenschaft Vogelsberg eG (EGV). In dieser kurzen Zeit hat sie sich mit inzwischen mehr als 700 Mitgliedern und einer Eigenkapitaldecke von mehr als 8 Mio. Euro zu einem wichtigen Akteur der Vogelsberger Wirtschaft entwickelt und spielt hier im Bereich der erneuerbaren Energien eine maßgebliche Rolle. Sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende Ralph Kehl als auch der geschäftsführende Vorstand Günter Mest freuten sich daher sehr, ihren Mitgliedern anlässlich der diesjährigen Generalversammlung nur Gutes zu berichten: Sie legten die besten Zahlen der Genossenschaftsgeschichte vor und dokumentierten abgeschlossene, aktuelle und zukünftige Energieprojekte in und für die Region.

„Vital und lebendig“ erlebe er die EGV. Mit diesen Worten begrüßte Ralph Kehl die 125 Genossen, die am Mittwochabend nach Rainrod in den Gasthof Graulich gekommen waren – nach Auszählung der Stimmberechtigten konnte man sich über die bisher höchste Resonanz anlässlich einer solchen Versammlung freuen. Unter den Anwesenden machte der Aufsichtsratsvorsitzende auch viele Geschäftspartner, Vermieter von Dächern und Flächen sowie Vertreter benachbarter Energiegenossenschaften aus – Zeugnis eines gut entwickelten Netzwerkes in der Region. Unter den „weithin sichtbaren Ergebnissen der guten und umfangreichen Arbeit“ der EGV stellte Kehl die Anlage im Windpark Arnshain Wahlen heraus, die im vergangenen Jahr ans Netz ging und schon für erste Erträge gesorgt hat.

Nach einem Grußwort des Schwalmtaler Beigeordneten Wolfgang Hainbuch übernahm Günter Mest zum Bericht des Vorstandes das Wort. Zunächst präsentierte er ein umfangreiches Strukturgramm der EGV: Mit ihren Töchtern VOBEG Energie GmbH, VOBEG Projekt GmbH und VOBEG Wind GmbH deckt sie alle übergeordneten Tätigkeitsbereiche der Gewinnung erneuerbarer Energien ab. Für die Betreibung einzelner Anlagen wurden unter diesem Dach noch die Solarstrom Freiensteinau GmbH & Co.KG gegründet und 50% der Anteile an der Kommunalwald Kirtorf GmbH und Co.KG übernommen. Zentrale Aufgabe der EGV sei das Projektieren und Bauen von Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energien, so Mest. Im Jahrhundertsommer 2018 sei das insbesondere im Bereich der Photovoltaik so gut gelungen, dass man die Kitas der kommunalen Partner in Alsfeld, Mücke, Herbstein und Romrod mit einer Spende von jeweils 2.000 Euro bedenken konnte, dennoch solle man sich einen solch anhaltend heißen Sommer nicht wieder wünschen. Aufgrund der Freiflächenverordnung 2018 habe die EGV wieder verstärkt PV-Projekte in den Fokus genommen, referierte Mest, so wurden mit den Kommunen in Ulrichstein und Ehringshausen entsprechende Verträge abgeschlossen. Weitere Ankäufe von Flächen in der Region dienten zur eigenen Projektentwicklung oder zur Bereitstellung von Ausgleichsflächen.

Mit Blick auf die wirtschaftlichen Zahlen konnte Mest in allen Bereichen eine Steigerung der Erträge vermelden: Mit einer erzielten Einspeisevergütung bei der Photovoltaik von mehr als einer Million Euro lag das Ergebnis 2018 über 15% über dem Vorjahr. Knapp 1,9 Mio. Euro erwirtschaftete die EGV mit Windkraft, eine Steigerung von gut 22%. Der Jahresüberschuss von gut 142.000 Euro lag 53% über dem Vorjahr. Zusammen mit dem Gewinnvortrag ergab sich ein Bilanzgewinn von 181.000 Euro. Die Zahlungen an die Mitglieder beliefen sich mit Zinsen für Nachrangdarlehen und Dividende auf 272.000 Euro – auch das die bisher höchste Zahl in der Genossenschaftsgeschichte.

Einen Einblick in die Arbeit des Aufsichtsrates gab sodann Ralph Kehl. Man habe alle Entscheidungen des Vorstandes begleitet und konstruktiv diskutiert sowie die strategische Ausrichtung der Genossenschaft mitgetragen. Prüfungsausschuss wie Genossenschaftsverband hätten der EGV eine geordnete Finanz- und Ertragslage bescheinigt, so Kehl. Die Versammlung stimmte sodann für den Vorschlag, den Mitgliedern eine Dividende von 4% auszuzahlen und votierte einstimmig für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat.

Aus letzterem Gremium schieden turnusgemäß fünf Mitglieder aus, die sich dem Gremium allesamt ohne Gegenkandidaten zur Wiederwahl stellten: Mit Dirk Eschenröder, Thomas Groll, dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ralph Kehl, Norbert Lautenschläger und Rüdiger Rausch wurden alle fünf von der Versammlung in ihren Ämtern bestätigt.

Vorstandsmitglied Lorenz Kock ging im Anschluss auf die aktuelle Situation auf dem Sektor der erneuerbaren Energien ein: Sturm und Flaute lägen hier eng beieinander, skizzierte der Umweltexperte: Bis Ende des Jahres könne man mit einem Anteil von 50% erneuerbarer Energie im bundesweiten Netz rechnen, gleichzeitig jedoch seien von 730 vergebenen Genehmigungen für neue Windkraftanlagen – davon 90% in der Hand von Bürgergesellschaften – bisher erst 35 Anlagen umgesetzt. Wenn man bedenke, dass im Jahr 2023 für ein Viertel aller bestehenden Windkraftanlagen die Förderung auslaufe und ihre somit Zukunft ungewiss sei, könne man angesichts eines ständig steigenden Energiebedarfs kaum davon ausgehen, das Ziel der Bundesregierung, im Jahr 2030 dann 65% des Bedarfs mit erneuerbarer Energie zu decken, zu erreichen. „Wir müssen uns wappnen und gut aufstellen“, so Kocks Fazit, der für die EGV hier drei Handlungsansätze vorstellte: Komplexe Projekte seien gemeinsam mit großen Partnern wie beispielsweise der OVAG zu schultern und Allianzen mit Schwestergesellschaften und Dachverbänden zu schmieden. Es gelte außerdem, den Schulterschluss mit Landwirtschafts-, Forst- und Umweltverbänden zu suchen, denn nicht die Windkraft gefährde die Artenvielfalt, sondern der Klimawandel. Bleibe noch die Vernetzung mit den Kommunen, so Kock, der bedauerte, dass noch immer viele Kommunen das schnelle, scheinbar lukrative Geschäft mit dem erstbesten Interessenten vorzögen, anstatt in Kooperation mit der EGV die Wertschöpfung in der Region und bei den Bürgerinnen und Bürgern zu behalten. Aus Pachten, Gewerbesteuern, Dividenden und Zinsen seien dies im Jahr 2018 knapp 500.000 Euro gewesen, im laufenden Jahr sei die halbe Million zu knacken. „Dabei sind wir so kleinteilig, dass jeder Mann und jede Frau bei uns investierten kann“, forderte Kock zu noch mehr Beteiligung auf und appellierte an die Versammlung, auf ihre kommunalen Entscheidungsträger einzuwirken, bei anstehenden Energieprojekte stets zuerst mit der EGV zu sprechen.

Über neue Projekte informierte danach noch einmal Günter Mest: Die geplanten Wind-Projekte in Neustadt würden weiter entwickelt und könnten voraussichtlich im Jahr 2021 ans Netz gehen. Im Kommunalwald Kirtorf sei eine Erweiterung um drei Anlagen geplant, an der man sich – wieder gemeinsam mit der OVAG – beteiligen wolle. Ebenfalls mit der OVAG sei die Realisierung von PV-Anlagen in Ulrichstein und Mücke geplant. Weitere zwölf PV-Anlagen habe die EGV allein in der Projektierung, berichtete Mest. Bei allen Projekten spiele die Bürgerbeteiligung eine übergeordnete Rolle, ebenso wie die Kooperation mit den Kommunen. „Wir arbeiten für die Zukunft“, so Mest an die Versammlung, die er aufforderte, als Multiplikator auch für neue, junge Mitglieder zu werben: „Tragen Sie die Ergebnisse des heutigen Tages in die nächste Generation!“

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