
Die Energiegenossenschaft Vogelsberg verzeichnet weiterhin starkes Wachstum. Mittlerweile investieren über 2.000 Mitglieder in erneuerbare Energie- und Speicherprojekte. Während internationale Krisen und volatile Energiepreise die Debatte um Versorgungssicherheit neu beleben, richtet Vorstand Björn Köhler den Blick vor allem auf die strukturellen Rahmenbedingungen in Deutschland.
Erneuerbare Energien geraten in Krisenzeiten regelmäßig stärker in den Fokus. Warum braucht es Ihrer Ansicht nach immer wieder äußeren Druck, um die Energieabhängigkeit zu reduzieren?
Wir wissen seit Jahren, wie stark Deutschland von Energieimporten abhängig ist. Dennoch werden notwendige Entscheidungen häufig erst dann konsequent angegangen, wenn der Handlungsdruck steigt. Andere Länder sind hier deutlich weiter. Ob in China, Skandinavien oder auch in Österreich – dort wird der Ausbau eigener Energieinfrastrukturen oftmals schneller und pragmatischer umgesetzt. Ein Beispiel aus der Industrie ist BASF: Der Konzern investiert derzeit in großem Umfang in einen neuen Standort in China, der von Beginn an zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien und Speicherlösungen läuft. In Deutschland stoßen vergleichbare Projekte häufig auf deutlich komplexere Genehmigungs- und Umsetzungsstrukturen.
Studien zeigen, dass gerade ländliche Kommunen stark vom Ausbau erneuerbarer Energien profitieren könnten.
Das bestätigen auch Untersuchungen aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Sie zeigen klar, dass ein erheblicher Teil der Wertschöpfung vor Ort entsteht – insbesondere in den Kommunen. Gerade in ländlichen Regionen besteht die Chance, zusätzliche Einnahmen zu generieren, Arbeitsplätze zu sichern und neue wirtschaftliche Impulse zu setzen.
Unsere Ansätze mit kommunalen Beteiligungsmodellen setzen genau hier an. Über gemeinsam mit Städten und Gemeinden gegründete Energie GmbHs ermöglichen wir Kommunen, selbst unternehmerisch aktiv zu werden. Damit entstehen neue Einnahmequellen, die helfen können, kommunale Haushalte zu stabilisieren. Davon profitieren am Ende auch die Bürger, etwa durch nicht weiter ansteigende Gebühren oder die Möglichkeit, sich direkt an Projekten zu beteiligen.
Wie bewerten Sie die aktuellen energiepolitischen Weichenstellungen?
Natürlich beobachten wir die anstehenden Entscheidungen auf Bundesebene sehr genau. Für die Zeit ab 2027 werden derzeit wichtige Leitplanken neu gesetzt. Gleichzeitig sehen wir auf Landesebene – auch in Hessen – klare Signale zur Stärkung kommunaler Handlungsspielräume. Die Novellierung der Hessischen Gemeindeverordnung im vergangenen Jahr war hierfür ein entscheidender Schritt. Sie vereinfacht es Kommunen erstmals, gemeinsam mit Partnern wie Energiegenossenschaften eigene Energiegesellschaften zu gründen.
In der Region wird dieser Weg parteiübergreifend unterstützt. Viele Rathäuser erkennen darin eine reale Chance, finanzielle Entlastung zu schaffen und gleichzeitig die Energiewende vor Ort aktiv zu gestalten.
Welche Rolle spielen Energiegenossenschaften dabei?
Eine sehr zentrale. Energiegenossenschaften verbinden wirtschaftliches Handeln mit demokratischer Mitbestimmung. In der Vergangenheit hatten regionale Akteure gegenüber großen Projektentwicklern oft das Nachsehen. Durch neue Beteiligungsmodelle können wir heute dazu beitragen, dass Wertschöpfung, Entscheidungsbefugnisse und Akzeptanz stärker in der Region bleiben.
Wie entwickelt sich die Energiegenossenschaft Vogelsberg aktuell?
Wir erleben derzeit einen deutlichen Wachstumsschub. Die Genossenschaft hat inzwischen die Marke von 2.000 Mitgliedern überschritten. Bis Ende 2024 haben wir rund 42 Millionen Euro investiert, bis Ende 2026 rechnen wir mit einem Gesamtvolumen von rund 62 Millionen Euro.
Parallel dazu haben wir unsere internen Strukturen weiter professionalisiert. Gemeinsam mit Daniela Schojan und Dr. Sebastian Guth arbeiten wir im hauptamtlichen Vorstandsteam daran, die Genossenschaft strategisch und organisatorisch weiterzuentwickeln.
Über aktuelle Projekte ist zuletzt weniger zu hören gewesen.
Im Vogelsberg wurde der Windpark Ulrichstein/Lautertal („Goldner Steinrück“) erfolgreich umgesetzt. Dort wurden 18 ältere Anlagen zurückgebaut und durch fünf neue ersetzt, die im vergangenen Herbst ans Netz gegangen sind. Die VOBEG Wind, eine 100-Prozent-Tochter der EGV, ist an diesem Projekt mit 15 Prozent beteiligt.
Weitere Projekte befinden sich derzeit außerhalb des Vogelsbergkreises in der Umsetzung. Dazu gehört der Windpark Trillrodt in Neustadt (Hessen), dessen Inbetriebnahme kurz bevorsteht. Besonders innovativ ist zudem ein Projekt in Diemelstadt in Nordhessen, bei dem Solarstrom mit einem intelligenten Speichersystem kombiniert wird. Strom kann so gezielt dann vermarktet werden, wenn eine hohe Nachfrage vorhanden ist. Solche Lösungen werden künftig eine zentrale Rolle spielen. Auch im Vogelsberg selbst arbeiten wir derzeit an der Planung weiterer Energieparks sowie zusätzlicher Windenergieanlagen. Erste konkrete Projekte werden wir in den kommenden Monaten öffentlich vorstellen können.
Wie finanzieren Sie diese Vorhaben?
Grundlage ist die breite Beteiligung unserer Mitglieder. In den vergangenen Monaten konnten wir rund 5,5 Millionen Euro an neuen Beteiligungen einsammeln. Mitglied werden kann man bereits ab 100 Euro. Für einzelne Projekte liegen die Beteiligungen meist zwischen 3.000 und 30.000 Euro, im Durchschnitt jedoch deutlich darunter. Insgesamt verwalten wir inzwischen mehr als 20 Millionen Euro an Nachrangdarlehen.
Was haben die Mitglieder konkret davon?
In einer Genossenschaft gilt das Prinzip „eine Person – eine Stimme“, unabhängig von der Höhe der Einlage. Darüber hinaus partizipieren die Mitglieder wirtschaftlich am Erfolg der Projekte und der Genossenschaft. In den vergangenen Jahren lag die Ausschüttung bei rund fünf Prozent, wobei Erträge naturgemäß von Wetterbedingungen und Marktpreisen abhängen. Durch den verstärkten Einsatz von Speichern erwarten wir langfristig eine stabilere Wirtschaftlichkeit.
Sie sprechen häufig von regionaler Wertschöpfung. Was bedeutet das praktisch?
Es bedeutet, dass Geld in der Region bleibt. Statt hohe Summen für fossile Energieträger ins Ausland zu überweisen, investieren wir in lokale Infrastruktur. Kommunen profitieren durch Einnahmen, Bürger durch Beteiligungsmöglichkeiten inklusive Zinserträge und Verbraucher durch perspektivisch stabilere Energiepreise. Das ist ein Ansatz, von dem viele Seiten profitieren.
Welche Rolle spielt dabei die künftige kommunale Wärmeversorgung?
Im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung arbeiten wir derzeit in mehreren Kommunen an konkreten Konzepten. Ziel ist es, erzeugte Energie möglichst direkt vor Ort zu nutzen. Ein zentraler Ansatz besteht darin, lokal erzeugten Strom in Wärme umzuwandeln und über Nahwärmenetze direkt an die Bürgerinnen und Bürger zu liefern. So kann eine sichere und bezahlbare Wärmeversorgung vor Ort entstehen.
Ein konkretes Beispiel hierfür ist der Windpark Trillrodt in Neustadt (Hessen), unmittelbar hinter der Kreisgrenze. Dort haben sich bereits engagierte Bürgerinnen und Bürger freiwillig in Interessengruppen zusammengeschlossen. Gemeinsam wird aktuell geprüft, inwieweit die erzeugte Windenergie künftig auch für eine lokale Wärmeversorgung genutzt werden kann.
Solche Ansätze zeigen, wie die Energiewende ganz konkret vor Ort gestaltet werden kann – mit einer direkten Wertschöpfung für die Region und einer aktiven Einbindung der Bevölkerung.
Von Christian Dickel